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„Mehr als nur Pillen verschreiben“
Donnerstag, 15. Juli 2010

Knapp 18 Prozent aller 2500 Patienten, die sich jährlich in Marienborn behandeln lassen, sind Senioren. Die Beratungsstelle war der fehlende Mosaikstein, um als gerontopsychiatrisches Zentrum firmieren zu dürfen.

Antriebsschwäche, Mutlosigkeit, das Gedächtnis lässt nach: Bislang war da der Hausarzt die erste Anlaufstelle, der überwies dann an einen Fachkollegen für Psychiatrie, und dieser Mediziner wiederum „verschreibt dann Pillen gegen Depression, mehr kann er nicht tun“.

Dr. Ioan Teodor Marcea schilderte am Donnerstag den typischen Verlauf bei leichteren Gemütsbeschwerden. Marcea ist ärztlicher Leiter der Fachklinik für Psychiatrie in Zülpich-Hoven und Vorsitzender des psychosozialen Arbeitskreises im Kreis Euskirchen. Bei einer Pressekonferenz, die er gemeinsam mit Marienborn-Geschäftsführer Achim Klein und dem Sozialpädagogen Bernd Ridderbecks anberaumt hatte, wies Marcea indes einen anderen als den eingangs beschriebenen Weg auf: Den über die „Gerontopsychiatrische Beratungsstelle“.

Der Kreistag hatte vor einigen Wochen entschieden, dass die Marienborn GmbH diesen Titel tragen darf. Wie der Name erkennen lässt, sind ältere Menschen die Zielgruppe. Knapp 18 Prozent aller 2500 Patienten, die sich jährlich ambulant, stationär oder in tagesklinischen Plätzen in Marienborn behandeln lassen, sind Senioren. Die Beratungsstelle war der fehlende Mosaikstein, um als gerontopsychiatrisches Zentrum firmieren zu dürfen.

Den Leidensdruck nehmen

Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich praktizierte Lebenshilfe. Wer will schon gleich eine psychiatrische Klinik oder einen Nervenarzt aufsuchen, wenn sich die Gemütslage verfinstert hat? Vielfach stellt sich der Praxisbesuch dann auch noch als unnötig heraus. Bereits mit Selbsthilfegruppen, Gedächtnistraining und anderen „niederschwelligen Angeboten“, so Klein, kann dem Hilfesuchenden oft der Leidensdruck genommen werden. Nur: Wo gibt es solche Gruppen und Hilfsmöglichkeiten? Hausärzte sind da meistens überfragt, Psychiater überfordert. Denn dieser „soziale Dienst“ wird nicht bezahlt und ist daher für die niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie aus betriebswirtschaftlicher Sicht kaum leistbar. In diese Bresche springt ab sofort der Sozialpädagoge Ridderbecks. Er hat bereits sein Büro im „Haus Theresia“ neben der Klinik bezogen, in dem er montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr berät. Termine können mit ihm unter 0 22 52 / 5 35 05 vereinbart werden.

Riddersbeck ist zwar Angestellter der Marienborn GmbH, berät aber im Dienste des Kreises Euskirchen „absolut neutral“. Mit den Krankenhäusern in Mechernich und Schleiden ist bereits abgeklärt worden, dass Ridderbecks auch dort Sprechstunden abhalten wird. Die Termine müssen noch abgestimmt werden. Euskirchen könnte der vierte Standort werden, falls man sich im Marien-Hospital nicht dazu entschließt, selbst derartige Beratungen durchzuführen. Die Kosten müsste die Euskirchener Klinik allerdings selbst tragen.

Marienborn wird indes nach dem Zuschlag als offizielle Beratungsstelle für den gesamten Kreis Euskirchen in den ersten drei Jahren vom Land bezuschusst: im ersten Jahr mit 70 000 Euro, bis zum dritten Jahr sinkt die Finanzspritze immer weiter ab. Ab dem vierten Jahr muss Marienborn die Chose selbst bezahlen, was man laut Klein auch tun wird. Für den Hilfesuchenden ist die Beratung, die vom Landschaftsverband angesichts der demographischen Entwicklung als zwingend notwendig eingestuft wurde, kostenlos. Ridderbecks: „Die Beratungsstelle ist zwar für ältere Menschen gedacht, aber ich würde auch einen 30-Jährigen nicht wegschicken.“

Quelle: KStA.de

 
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